Thema der Woche: Glückwunsch, Nike!
So. Feuer frei. Es gibt mal wieder ein Thema, bei dem man voller Inbrunst draufhauen kann, nur Applaus bekommt und Sympathien gewinnen kann. Nach 77 Jahren hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Partnerschaft mit Adidas beendet. Differenzierter Blick? Fehlanzeige. Dabei birgt dieses Thema durchaus mehr als nur eine Perspektive. Die einfachste Schublade öffnen unsere Politiker, die endlich mal Einigkeit zeigen und ein paar Wähler auf ihre Seite ziehen wollen. Robert Habeck, Bundeswirtschaftsminister, hätte sich mehr „Standort-Patriotismus" gewünscht, Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister, hält es schlicht für eine „Fehlentscheidung", Dorothee Bär, Stv. Fraktionsvorsitzende CDU/CSU, für eine „gnadenlose Fehlentscheidung" und für Boris Rhein, Ministerpräsident Hessen, ist Nike sogar eine „amerikanische Fantasiemarke". Die Fantasiemarke (46,4 Mrd.) machte 2023 übrigens mehr als doppelt so viel Umsatz wie Adidas (21,4 Mrd.). Alles eine Frage der Perspektive also. Laut W&V hat der DFB dennoch den „letzten Rest Seele verkauft" (zum Artikel bei W&V). Ok, haben wir das auch.
Wurde dann jetzt alles gesagt? Nein. DFB-Schatzmeister Stephan Grunwald erwidert bei Capital: „... zum ersten Mal in der Geschichte des DFB haben wir ein transparentes Ausschreibungsverfahren für den Ausrüstervertrag durchgeführt ... Im Fall des DFB haben die Bieter ihre Angebote am 15. März abgegeben, in dieser Woche konnten die Unternehmen dann bei uns Präsentationen halten. Das waren im Übrigen mehr als zwei Bieter. Am Ende mussten wir entscheiden, was das wirtschaftlich beste Angebot ist. Dabei lagen die Angebote von Nike und Adidas so weit auseinander, dass wir faktisch keine Wahl hatten."
Und spannender Nachsatz: „Ich sage in aller Deutlichkeit: Wenn wir bei den Angeboten, wie sie auf dem Tisch lagen, den Zuschlag an Adidas gegeben und dies mit Argumenten wie der langen Partnerschaft, Vertrauen und Treue begründet hätten, dann hätte ich wahrscheinlich schon heute die Staatsanwaltschaft im Haus gehabt." (zum Interview bei Capital)
Eine spannende wie vor allem zutreffende Aussage. Das sollten unsere Politiker eigentlich wissen. Was wahrscheinlich alle wissen, aber keiner laut sagt: Geld regiert die (Sport)Welt. Oder warum findet aktuell JEDE Sportveranstaltung in Saudi-Arabien statt. Selbst Bogenschießen Ü50 der Männer in roten Hosen oder Dosenwerfen wird wahrscheinlich bald im Wüstenstaat ausgetragen. Hat das immer sportliche Hintergründe? Bestimmt nicht. Wichtig ist nur, wer beim Kirmesboxen in der ersten Reihe sitzt und sich hat kaufen lassen.
Ich bin kein Moralapostel, wahrlich nicht. Aber das unreflektierte „an-den-Pranger-stellen" hat nicht mal der DFB verdient. Übrigens: Adidas hat erst vor Kurzem Puma das italienische Trikot weggenommen. Alles ganz normales Business im hart umkämpften Fußballmarkt. Damit es nicht so aussieht, als würde ich den DFB nur abfeiern: Im Sinne der langen Partnerschaft hätte man zumindest die Kommunikation anders lösen können.
Noch ein Satz zu Nike: Eines der begehrtesten Trikots der Welt geholt, den Wettbewerb ausgestochen, Medienpräsenz um den ganzen Globus, die ersten 100 Mio. sind wahrscheinlich schon drin. Mehr geht nicht. Glückwunsch!
Kampagnensalat ARAL: Alles hat seine Zeit
Die einen holen „Freed from Desire" aus den Discos der 90er Jahre zurück, die anderen packen den Klassiker „I'm walking" wieder ins TV. Aber ich bleibe dabei, alles hat seine Zeit und da sollte es auch bleiben. ARAL hatte so viele Chancen sein 100-Jähriges zu feiern, aber ein Remake des Spots von 91 war bestimmt nicht die beste Alternative. Klar, der Song ist immer noch sehr eingängig, aber der Rest wirkt gewollt und nicht gekonnt. Aber schau doch selber und schreib gerne Deine Meinung in die Kommentare: Remake · Original
### Mach's selber – Bauhaus
Übrigens: Den Discosong aus dem Plattenfriedhof geholt, hat ja Obi. Während die Baumarktkette auf singende Menschen in ihren Gärten setzt, versucht es Bauhaus mit einer Botschaft, die mir gut gefällt: Selbst gemacht tut gut. „Durch das Selbermachen spürt man die Kraft der Natur in den eigenen Händen. Ganz dem Motto folgend: Säe, ernte und genieße die Früchte deiner Arbeit!", sagt Robert Köhler, Leiter Marketingkommunikation bei Bauhaus, bei Horizont (zum Artikel). Was soll ich sagen? Recht hat er. Zum Spot
Kampagnensalat: Die Hand Beckhams
Ich mag David Beckham. Als Fußballer eher überbewertet, als Geschäftsmann, Klubbesitzer, Testimonial und Typ eine glatte 1. Das dachte sich jetzt auch die Biermarke Stella Artois und hat den Superstar für ihre neue Kampagne vor die Kamera gezogen. Dabei nimmt sich Beckham, der für sein gutes Aussehen bekannt ist, selbst nicht so ernst. An der Bar sitzend bemerkt er das Lächeln einiger Frauen. Die haben allerdings nur eines im Sinn: ein frisch gezapftes Stella – mag ich übrigens auch, vor allem in St. Pete! Auf der dazugehörigen OOH-Kampagne wird das Spiel sogar noch weitergedreht. Dann ist nur die Hand von Beckham zu sehen, denn der Superstar ist das Bier im Glas. Und dennoch, alleine an den Händen ist Beckham zu erkennen. Solch typische Merkmale hatte er als Fußballer nicht. Für alle, die jetzt stänkern: Ich weiß, dass er ein Triple gewonnen hat, aber sein Einfluss war stets begrenzt, sag ich jetzt mal als alter 5-Liga-Kicker! Zum Spot
Kampagnensalat Bosch: So geht ein Seitenhieb
Chapeau, Bosch! Der Cookit, das Wettbewerbsprodukt zum Thermomix von Vorwerk, ist Testsieger geworden. Das teilt Bosch nicht nur einfach via Anzeige auf Social Media mit, sondern nutzt die Gunst der Stunde für einen kleinen Seitenhieb. „Danke fürs Vorwerk. Ab hier übernimmt der Testsieger." Mega. Nicht böse, einfach nur den Ball aufgenommen, getextet mit einem Augenzwinkern. Dafür gibt es schon mal einen Daumen nach oben. Für die unfassbar gute Community-Arbeit – alle Kommentare werden beantwortet – gibt es den zweiten hinterher. Und meine Mini-Kritik in der Anzeige wurde auf der Webseite bereits korrigiert. Danke fürs Vorwerk braucht kein Apostroph.
Kampagnensalat Nucao: Gar nicht bescheuert
Du möchtest auffallen, mach eine Guerilla-Aktion. Das haben sich die Kreativen von Scholz & Friends auch gesagt und für ihren Kunden Nucao einfach mal die Berliner Stadtmusikanten und den Berliner Bär in Papier gewickelt. Kannte ich Nucao vorher? Nein! Also alles richtig gemacht, die Kosten werden sich in Grenzen halten, zumindest die Branche und vielleicht auch noch mehr sprechen darüber. Der Hintergrund: Nach dem Motto „Bescheuert bei ___ – genial bei Schokolade" werden Gegenstände oder Sehenswürdigkeiten verpackt. In diesem Fall bescheuert, aber halt genial bei Schokolade. So macht das Startup auf seine umweltfreundlichen Verpackungen aufmerksam. Finde ich klasse. Mehr Mut zu solchen Aktionen. (zum Artikel bei Horizont)
Kampagnensalat Philips: Der perfekte Espresso – kompliziert!
Die neue Kaffeemaschine von Philips (zum Artikel bei W&V) landete auf meinem Schreibtisch, und ich muss sagen: die Idee und auch die Umsetzung gefallen mir gut. Bis auf ein paar Details, da komme ich später zu.
Beginnen wir mit dem Positiven: Die Komplexität der Kaffeezubereitung aufs Korn zu nehmen, ist genau der richtige Ansatz. Man traut sich ja kaum noch einen „normalen" Espresso, Cappuccino oder Kaffee irgendwo zu bestellen. Der Fragenkatalog vor der Zubereitung erinnert in einigen Cafés an die Sandwich-Bestellung bei Subway! Dabei liegt das Ergebnis in der Einfachheit, wie zuletzt auch von mir bei einem Teller Pasta beschrieben. Von daher 10/10 Punkten für Philips. Zum Spot
Jetzt kommen wir zu meinen Anmerkungen. Die entscheidende Zutat ist Liebe. Da kannst Du jeden bei uns im Büro fragen. Ohne Liebe kein perfektes Ergebnis. Es braucht die Emotion bei der Zubereitung, das kurze Gespräch an der Theke und vor allem – und das meine ich ernst – einen Espresso in einer Porzellan-Tasse, wenn es geht eine dickwandige, braune Tasse, schön vorgewärmt. Der Trick an den dicken Wänden ist, dass die 25-35 ml Espresso warm bleiben. Was macht Philips? Drückt den Espresso in eine Glastasse. Cortado im Glas, gerne, Latte Macchiato sowieso, aber Espresso niemals. Ich weiß, es gibt Bars, die das machen. Aber nein! Fahr nach Italien oder komm nach Pulheim, da gibt es die perfekten, vorgewärmten Tassen. So komme ich zum Entschluss: Vielleicht ist es alles doch nicht so einfach ...
OOH: Las Manchester
Na, schon gesehen? Manchester macht jetzt einen auf Las Vegas. Das Shopping-Center Printworks hat jetzt eine digitale Decke und soll an die Fremont Street im alten Vegas erinnern. Da ich schon da war, weiß ich, wie beeindruckend es live ist. Auch in Manchester setzt man auf Farbenspiele, aber auch Werbung. So wird zum Start Kung-Fu Panda 4 beworben. Ich bin hin und her gerissen zwischen „mega" und „kann-das-weg" – tendiere tatsächlich aber Richtung „braucht es nicht". Es liegt nicht im natürlichen Sichtfeld, die Menschen in einer Einkaufssituation sind eh schon gestresst und haben Hunderte von Eindrücken und vor allem Einflüssen. Aber vielleicht muss ich es mal vor Ort sehen. Kombiniere ich dann mit einem Manchester-Derby. (zum Bericht)
KI-Corner: Pfleger (m/w/d/AI)
Wie lange suchen wir noch nach Pflegefachkräften für Krankenhäuser, Arztpraxen oder Seniorenheime? Wenn es nach Hippocratic AI und Nvidia geht, nicht mehr lange. Dann werden Patienten in Zukunft digital und „persönlich" abgeholt. „Voice-based digital agents powered by generative AI can usher in an age of abundance in healthcare, but only if the technology responds to patients as a human would", sagt Kimberly Powell, Vice President Healthcare von NVIDIA. Und wenn man sich das passende Video dazu anschaut, schaue ich mit gemischten Gefühlen nach vorne. Es ist nicht mehr aufzuhalten, die nächsten Jahre werden so viel verändern, dass es für die Menschen schwierig wird, das zu greifen. Zum Video · zum Artikel
KI-Corner: Schnell, schneller, KI
Ich weiß nicht, ob allen klar ist, wie schnell es in den kommenden Jahren gehen wird. Aber ein Indikator ist eine Aussage von Sam Altman: KI wird 95 % der kreativen Marketingarbeit ersetzen. (zum Artikel)
Gartner prognostiziert übrigens bereits bis 2026 eine Reduktion des Suchvolumens um 25 % aufgrund von KI. (zum Artikel) Fakt ist, ich suche definitiv weniger auf Google, seitdem ich KI nutze.
Bereiten mir diese Entwicklungen schlaflose Nächte? Schließlich sollen 95 % unserer Aufgaben dann kostenlos gemacht werden. Meine Antwort: Nein. Aus zwei Gründen. Auch wenn die KI alles kann, heißt es noch nicht, dass die Anwender es können und die besten Ergebnisse generieren – wir können das. Und zudem ist es spannend. Wir wissen nicht, an welchem Punkt wir morgen oder in einem Jahr stehen, aber wir sind als 923b bereit, das hohe Tempo mitzugehen, jeden Tag zu lernen und uns zu verändern.
Lesetipp: Gegen Frauenhass
Eigentlich war der NewsSnack am Mittwochmorgen um 06:04 Uhr schon geschrieben, als ich die ruhigen 2 Sekunden des Tages zur Lektüre des NZZ-Newsletters nutzte. Der Teaser für das Interview mit Rechtsanwältin Christina Clemm machte direkt etwas mit mir: „Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner getötet." Das Interview habe ich schockiert gelesen, das passende Buch noch nicht, aber bestellt ist es. Und alleine die Aussagen und Fakten aus dem Interview reichen, um das jedem Mann ans Herz zu legen. Bin gespannt, werde berichten und wollte definitiv unsere kleine, aber feine Reichweite nutzen, um dieses wichtige Thema in den Fokus zu rücken. (zum Interview bei der NZZ) · zum Buch