KI-Corner: Meine Chefin, die KI
Meine Chefin: die KI. Der neue Titel des Magazins brand eins hat mich gepackt. Nicht, weil er besonders außergewöhnlich war – das Bild hätte man besser prompten können und es passt tatsächlich auch überhaupt nicht zum Inhalt –, sondern weil ich zehn Minuten, bevor ich den Titel in der Buchhandlung sah, zu meiner Frau sagte: Ich möchte nie mehr einen Chef haben. Also bekomme ich jetzt doch wieder einen, ob ich will oder nicht?
Beim Lesen des Artikels fühle ich mich lange Zeit überlegen, denn den Einsatz von KI-Tools praktizieren wir schon lange in vielen Bereichen in der 923b. Noch mehr Bestätigung erlange ich bei der Zwischenüberschrift „KI ist besser als durchschnittliche Führungskräfte" – sehe ich genauso, Haken dran. Als ich meine Geschichte mit der Überschrift „Chefs, die KI nutzen, werden die Gewinner sein" im Kopf schon fertig geschrieben hatte, lese ich den folgenden Absatz:
Können Mensch und KI gemeinsam führen? Das sogenannte Co-Piloting ist ein hehres Ziel. Die Idee ist: Der Mensch bleibt der Pilot, die KI assistiert als Co-Pilot. In der Praxis zeigt sich aber schon jetzt, dass der Mensch dazu tendiert, der KI zu folgen. Ein Beispiel aus den USA: In der dortigen Justiz soll eine KI namens „Harvey" Juristinnen und Juristen bei der Bewertung von Fällen unterstützen. Nur unterstützen, wohlgemerkt. Entscheiden sollen die Fachleute selbst. Eine Studie zu Richtern hat aber gezeigt, dass praktisch niemand gegen die Empfehlung einer KI entscheidet. Was logisch ist, denn würde sich das von einem Menschen durchgesetzte Urteil als zu mild herausstellen und der Täter wieder straffällig werden, hieße es womöglich: Warum bloß hat der Richter gegen die objektive Empfehlung des Algorithmus gehandelt? Also ist es so, dass die künstliche Intelligenz letzten Endes die Entscheidungen trifft.
Das lässt mich nachdenken. Wie viel verlassen wir uns in Zukunft noch auf unser „Bauchgefühl"? Emotionen mögen im Weg stehen und lassen uns manchmal die falschen Entscheidungen treffen, aber sie lassen uns auch die intensivsten und schönsten Momente erleben. Auch das ist Erfolg, abseits von Zahlen und Fakten. Werden wir überhaupt noch durch Fehler lernen können? Geben oder bekommen wir noch eine zweite Chance? Wie machen wir unsere Erfahrungen, die uns nicht nur im Job helfen, sondern auch im „realen Leben" – oder haben wir auch da einen neuen Chef? Kein Machtwort mehr der Mutter, sondern ein „Fragen wir mal die KI-Chefin"? Die Kraft des Entschuldigens wird wohl ebenfalls wegfallen. Denn wir machen ja keine Fehler mehr.
Ich halte es für mich folgendermaßen: Ich nutze alle erdenklichen Hilfsmittel, treffe aber auch weiter impulsive, emotionale Entscheidungen und werde viele Fehler machen – immer mit dem Fokus, die beste Version meiner selbst zu werden, und nicht die einer KI.
KI-Corner: Fake or Real?
Woche für Woche stellen wir uns mittlerweile die Frage: Was ist echt? Welche Bilder sind mithilfe von KI-Tools generiert? Welche Videos zeigen die Inhalte wie beschrieben oder sind aus einem völlig anderen Kontext? Wir arbeiten jeden Tag mit Bildern, Videos, Texten und Emotionen, aber auch wir können oftmals nicht mehr sagen, was echt ist und was fake!
Bedenkt man dazu, dass wir noch am Anfang der Entwicklung stehen, bereitet ein Blick in die Zukunft große Sorge – vor allem in Zeiten, in denen Menschen sich ganze Kriege anhand eines Fake-Videos erklären. Warum ich das schreibe? Das hat zwei Gründe. Erstens beleuchten wir das Themenfeld „Künstliche Intelligenz" in unserer KI-Corner meist positiv, da es uns in der Agentur große Möglichkeiten bietet. Und so ticken wir: Wir sehen Chancen, wollen uns und Themen entwickeln, täglich lernen sowie an Herausforderungen wachsen. Das soll aber nicht über unsere Sorgen hinwegtäuschen. Die haben wir ohne Zweifel. Zweitens gibt es ein Video vom Spiegel-Magazin auf Instagram, das einige Beispiele zeigt und Phänomene erklärt. Anschauen lohnt sich. Und in Zukunft heißt es noch genauer hinsehen, wenn es darum geht, Bilder, Texte und Videos einzuschätzen.
Innovation: Blinkende Flaschen? Ohne mich!
Bunte Etiketten, grelle Farben, coole Sprüche: Um im Lebensmitteleinzelhandel im Regal aufzufallen, müssen Firmen und ihre Agenturen sehr kreativ sein. Schließlich hat nicht jeder eine Markenbekanntheit wie Coca-Cola. Fehlt eigentlich nur noch, dass die Verpackungen der Lebensmittel blinken wie ein DOOH-Bildschirm. Und das ist gar nicht mehr weit entfernt, wie Gründerszene berichtet: Das Start-up Inuru hat eine Technologie entwickelt und druckt leuchtende OLEDs auf Kunststoff.
Wenn Massenproduktion gewährleistet ist und die Kosten sich im Rahmen halten, sieht es an den Regalen der Supermärkte bald aus wie an einem Spielautomaten. So cool die Idee ist, mir wird das langsam zu viel. Alles muss blinken und leuchten – als würde die Welt nicht schon heute jeden Tag die Menschen anschreien. Nach 10 Minuten auf der Schildergasse muss ich schon wieder weg. Laute Musik an jeder Ecke, alles blinkt, Armani lockt im Schaufenster jetzt mit Hologrammen, und die Menschen laufen sich ins Handy schauend über den Haufen. Ästhetik, Reduzierung? Fehl am Platz. Heute lobe ich mir die Hoteliers, die mir früher eine Absage für die Schindler-Doorshow gegeben haben mit der Begründung: „In unserem Hotel sollen die Gäste Ruhe genießen und nicht auch noch Werbung an den Aufzugtüren sehen." So ist es. Es blinkt schon genug, vor allem in den Köpfen vieler Menschen.
Kampagnensalat: Brötchentüte – das neue Massenmedium!
So langsam hat die gute, alte Regionalzeitung als Informationsquelle für die Bevölkerung ausgedient – es macht zumindest den Anschein, wenn ich mir die neue Aktion der Polizei gemeinsam mit der Stadt Köln anschaue. Hier wird anstelle der Tageszeitung oder des Wochenblattes die Brötchentüte beim Bäcker als Kommunikationsplattform gewählt, um die Bürgerinnen und Bürger vor falschen Handwerkern zu warnen. Wir haben wirklich schon viel gemacht, um für unsere Kunden Menschen zu erreichen, aber Brötchentüten noch nicht. Von daher keine Wertung der Aktion. Ob es den Comic-Stil gebraucht hätte, lasse ich auch offen, aber die Wahl des Werbemittels lässt mich aufhorchen. Meinungen? Oder ist in unserer Leserschaft jemand, der Erfahrungen damit hat? Ab in die Kommentare.
Kampagnensalat: Adidas x Messi – ab ins All
Messi, Messi und kein Ende. Der argentinische Superstar ist seit Jahren das Werbegesicht von Adidas. Nicht nur Messi (schon wieder den Ballon d'Or gewonnen), sondern auch sein neuer Schuh sind „out of this world" – um das standesgemäß zu bewerben, schickt Adidas ein überdimensionales Messi-Billboard ins All.
Ob das Messi-Video gut oder schlecht ist, will ich gar nicht beurteilen, ähnlich wie seine Leistungen auf dem Platz. Er läuft kaum noch, sorgt aber mit drei Halbsprints für mehr Gefahr als der Rest der Mannschaft. Übersetzt auf das Werbe-Video bedeutet das: 16,2 Mio. Views, 211k Likes, fast 3000 Kommentare – nur bei Adidas und nur auf Instagram.
Bei allen Lobeshymnen habe ich noch eine Frage: Wer betreut den Account des Superstars auf Instagram? In den Highlights gibt es nur die Nationalmannschaft, den FC Barcelona und die Familie – KEIN Inter Miami, der immerhin der Arbeitgeber ist. Ein paar Kapazitäten hätten wir noch, wenn Leo anruft.
Kampagnensalat: Klopp für Peloton – gut gealtert
Klopp ist beliebt, sympathisch und vor allem bekannt – von daher ein Top-Testimonial. Zudem repräsentiert er natürlich die spannende Alters-Zielgruppe, die sich Peloton leisten kann und will. Es gibt aber ein großes Aber. Ich finde den Spot einfach mega lahm, eher Kreisklasse als Premier League. Die gute Nachricht für Peloton: Ich bin nicht Zielgruppe, kein „Glow Up", kein Aufstehen, kein Sport!
Lesetipp: „The Netflix Effect"
Freitags lese ich nicht nur unseren Newsletter. Neben AI Peanuts gehört auch Prof. Galloway zur Pflichtlektüre. Er behandelt meistens ein Thema – das aber sehr ausführlich. Mit der Headline „The Netflix Effect" hatte er mich sofort. Spannend aufgeschlüsselt, wie es der Streaming-Anbieter immer wieder schafft, zu überzeugen. Und das mit Fakten, die mir nicht ganz klar waren. Oder wusstest du, dass Netflix in USA/Kanada 77 Mio. Abonnenten hat? Die ganze Analyse ist ein echter Lesetipp: The Netflix Effect bei Prof. Galloway.