NewsSnack-Archiv · 2023

NewsSnack KW 14/2023 – König Kunde, OOH in London & harte KI-Kost

Von Marco Morinello · NewsSnack-Archiv · 2023

Aus dem Archiv Diese Ausgabe stammt aus meinem wöchentlichen Marketing-Newsletter NewsSnack. Aus KW 14/2023: die Deutsche Bahn und König Charles, Rabatt- und Targeting-Fails im Handel, Samsung-OOH am Piccadilly Circus, das erste KI-Bier von Beck's – und ein drastischer KI-Text, der mich nicht loslässt.

Deutsche Bahn: Elfmeter ohne Torwart

König Charles III. reist im ICE von Berlin nach Hamburg. Und die Deutsche Bahn titelt: „Wenn der König Kunde ist." Auf diesen Moment warten Texter ihr ganzes Leben – und dennoch: Auch der leichteste Ball muss erst einmal gekonnt ins Netz. Wenn es komplizierter wird, kneifen aber zumindest die Social-Media-Manager der Bahn. Denn in der Kommentarspalte, die eher einem hart umkämpften Spiel gleicht, geht die Lust aufs Texten verloren. Leider! 844 Kommentare auf LinkedIn, 27.216 Reaktionen – hier trifft die Deutsche Bahn auf ihre Zielgruppe und hätte punkten können. Zum Beispiel beim Kommentar von Philipp Glockler, bekannt aus dem Doppelgänger-Podcast, der passend zu einer Statistik mit Verspätungen schreibt, er wäre lieber als Kunde mal König. Antwort der Bahn: Fehlanzeige! Stattdessen nutzt die Konkurrenz die Gunst der Stunde. Burger King postet ein passendes Bild des Königs mit Krone, Eurowings verweist auf einen Post. So geht das! Ganz stumm bleibt die Bahn übrigens nicht, aber geantwortet wird nur bei Liebesbekundungen.

Handel: Rabatt-Fails, Targeting-Fails und ein Lob für die Rennbahn

Findest du nicht auch, bei einer Rabatt-Aktion sollte auch der Rabatt stehen? Dann lass uns Under Armour mal zeigen, wie das geht. So verkauft man Sportklamotten im Sale. Ihr macht doch schon den psychologisch richtigen Schritt und nehmt nicht genau 50 % oder 40 %, um unter Preishürden zu fallen. Da kann man den Kunden auch mal anschreien.

Wer da so gar keine Lust drauf hat, ist Snipes. Bei denen war sogar die „rote Tinte" leer. Was ist da los? So wird doch im Mid-Season-Sale (den gab es früher auch nicht) nichts verkauft. Wenn du schon Menschen dazu bringen möchtest, dass sie etwas kaufen, obwohl sie es nicht brauchen, dann nutz doch wenigstens den Rabatt als Trigger! Ich verstehe es nicht…

Noch weniger verstehe ich allerdings, dass es nach gut einem Jahrzehnt auf den Meta-Plattformen immer noch möglich ist, dass ich Werbung für Gladbach-Fans ausgespielt bekomme. Innerhalb einer Sekunde ist es möglich, mich anhand eines gehörten Podcasts zu targetieren, aber nach zehn Jahren denkt tatsächlich noch ein Algorithmus, ich könnte Fohlen sein. NEIN!! Ich bin Kölner, FC-Fan, EFFZEH, GEISSBOCK!! (Die Aktion ist übrigens ganz cool von Hyundai, aber bei mir völlig falsch platziert.)

Da lobe ich mir doch die Anzeige der Kölner Rennbahn zum FC-Renntag! Da fühle ich mich direkt angesprochen. Dass ich jetzt auch noch Pferderennen nicht mag, kann wirklich keiner wissen.

Fertig? Nein, noch lange nicht. Aldi wollte noch ein bisschen Platz in einem Visual auf Instagram füllen. Nur lesen kann man als User kaum noch was. Gewinnspiel, Tageskarten, Übernachtungspakete – aber wofür? Wer es erkennt, bekommt die goldene Brille! Und warum muss ich das gleich zweimal auf ein so kleines Format schreiben? Hätte nicht ein Eye-Catcher gereicht?

Und dann kommt zu guter Letzt noch Medion um die Ecke. Ich kann das gar nicht in Worte fassen. „Hey Grafiker, hast du noch einen Wecker, wir brauchen auch noch einen Vogel, und Fabrikverkauf ist wichtig, muss zweimal drauf, alles auf Grün und am besten so, dass es keiner mehr lesen möchte. Bisschen Platz für die Adresse ist auch noch – wofür gibt es eigentlich eine Caption?" Ich wäre bei solchen Prozessen mal gerne dabei.

OOH in London: Samsung am Piccadilly Circus

Komm ich jetzt ins Fernsehen? Der Wunsch der Menschen, einmal auf der großen Bühne zu stehen, ist immens. Nicht bei allen, aber bei vielen. Zu meinen Zeiten bei regionalen Tageszeitungen war eine der Fragen von Kunden immer: Und wie schaffe ich es auf Seite 1? Genau damit spielt die neue Kampagne von Samsung. Sie promoten das Galaxy-Smartphone 23 mit einer Fotobox, in der das Samsung-Team eine Kamera mit einem 200-MP-Bildsensor steckte. Die gemachten Fotos wurden direkt auf den wohl bekanntesten LED-Screen der Welt projiziert: den DOOH-Screen am Londoner Piccadilly Circus. Das sorgt beim Fotografierten und den Passanten für große Aufmerksamkeit und geht natürlich – wie heutzutage gewünscht – viral. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurden zahlreiche Influencer engagiert, die über ihre Social-Media-Kanäle die nötige Reichweite garantierten. So gehen crossmediale Kampagnen im Jahr 2023. Zwei Daumen hoch!

Zum Bericht bei invidis

Beck's braut das erste KI-Bier

Vor ein paar Jahren haben wir noch über Essen aus dem 3D-Drucker gelacht, heute trinken wir das erste KI-erstellte Bier. Beck's, die Bierbrauerei aus Bremen, hat mit ChatGPT und Midjourney vom Rezept bis zum Namen das neue „Autonomous" erstellt. Sagen wir mal so: Es sieht schon ziemlich schick aus! Zumindest der Werbebanner auf der Website. Ich kann mir sehr schwer vorstellen, wie es ist, eine Dose in der abgebildeten Form in den Händen zu halten und ein Hefewasser mit der Rezeptur einer KI zu genießen. Ist das ein Ding? Wir werden sehen. Wenn eines sicher ist, dann, dass ich es probieren werde. Also stay tuned!

Zum Bericht bei Horizont

KI-Corner: harte Kost – „We are not prepared"

Es gibt einen Text, der veröffentlicht wurde, aber in den deutschen Medien (zumindest nach meiner Recherche) nur eine Randnotiz ist: Eliezer Yudkowsky, Entscheidungstheoretiker nach eigener Aussage, hat einen Gastbeitrag für time.com geschrieben. Die plakative Überschrift „Die Aussetzung der KI-Entwicklungen reicht nicht aus. Wir müssen alles abschalten" wird im Text mit drastischen Aussagen gestützt:

To visualize a hostile superhuman AI, don't imagine a lifeless book-smart thinker dwelling inside the internet and sending ill-intentioned emails. Visualize an entire alien civilization, thinking at millions of times human speeds, initially confined to computers – in a world of creatures that are, from its perspective, very stupid and very slow. […] We are not prepared. We are not on course to be prepared in any reasonable time window. There is no plan. Progress in AI capabilities is running vastly, vastly ahead of progress in AI alignment or even progress in understanding what the hell is going on inside those systems. If we actually do this, we are all going to die.

Den ganzen Text bei TIME lesen · Einordnung im Tagesspiegel

Ich bin weder in der Lage, die Worte noch das Wirken von Yudkowsky einzuordnen. Ich bin kein KI-Forscher, kein Mahner, kein Pessimist, aber ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Und ich habe das Gefühl, dass wir gerade Teil einer unfassbar schnellen Entwicklung sind. Der offene Brief, unterzeichnet von zahlreichen Tech-Größen, kommt nicht aus Spaß. Deshalb nutze ich mal ein Zitat, das ich noch nie in so einem Kontext genutzt habe: „If everything seems under control, you're not going fast enough." Ich denke, wir sind zu schnell und haben nicht mehr alles unter Kontrolle. Aber bilde dir gerne deine Meinung – und vor allem: Teile sie mit uns.

Alles ist möglich… auch eine Pause

Ich wollte an dieser Stelle eigentlich einen Text formulieren, bezugnehmend auf unseren Artikel in der KI-Corner. Es müsse doch möglich sein, eine Technologie zu fördern, die dennoch einem gewissen Wertegerüst folgt. Dann musste ich kurz innehalten und dachte mir: Wir Menschen hatten eigentlich noch nie echte Werte-Leitplanken. Die Geschichte und auch die Gegenwart sind geprägt von Kriegen, Drohungen und Unterdrückungen. Warum sollten wir also jetzt ausgerechnet beim Trainieren der KI unsere Gewohnheiten ändern? Es geht um Macht, einen Wettlauf der Giganten und das Abstecken von Territorien. Und dennoch steigt die Anzahl der Menschen, die sich zumindest eine Pause wünschen. Und auch ich wünsche mir diese. Erst einmal eine kleine über die Feiertage – für mich, für das Team, für dich – und dann vielleicht eine längere für das Trainieren der KI-Systeme. Alles ist möglich.

Archiv-Ausgabe des NewsSnack von Marco Morinello, ursprünglich erschienen 2023. Meinung und Wortlaut sind bewusst unverändert übernommen.