Denk mal drüber nach: Die Ängstlichkeit der Kreativen
„Ängstlichkeit ist der große Trend", sagt Jean-Remy von Matt. Wie könnte ich ihm da widersprechen? Ah, spricht da auch bei mir Ängstlichkeit? Fakt ist: Werbung hat sich verändert, Kreative müssen heute aufpassen, politisch korrekt zu sein. Das schränkt ein, da man sich gar nicht mehr traut, die Themen weiter oder auch mal provokativ anders zu denken. Beispiel gefällig? Die Werbetexter-Ikone berichtet in einem Interview mit der W&V, er glaube nicht, dass sein berühmtes SIXT-Plakat mit Angela Merkel heute so erscheinen würde. Grund: „Es käme vermutlich die Frage auf, ob wir eine Frau auf ihre Frisur reduzieren dürften", so von Matt. Dann spricht er von einem Vergleich aus meiner Lieblingswelt: Fußball. Ein Mittelfeldspieler, der nur kurze Quer- und Rückpässe spielt, geht kein Risiko, macht wenig Fehler, wird aber auch nie gewinnen. An dieser Stelle stehen die meisten Kreativen.
Und diese Sicherheitsdenke wird immer ausgeprägter, nicht nur bei Kreativen. Oder habe nur ich das Gefühl, dass auch in den Medien die großen Geschichten fehlen, dass Lehrer immer defensiver agieren aus Angst, die ganze Elternschaft vor der Tür zu haben? Die Gründe sind dabei mit Sicherheit divers, aber im Ergebnis ist es die Angst, die lähmt.
Kurz zum Thema Angst in der 923b: Wenn Charles und ich nicht sicher sind, ob wir etwas schreiben können oder nicht, lautet die Antwort immer: Natürlich können wir das, alles ist möglich! Mehr Diskussionsbereitschaft, wieder mehr zuhören und auch eine andere Meinung zulassen, die Kunst der Provokation verstehen und sich selbst und seine Themen etwas zurücknehmen – das würde den Kreativen helfen, die Angst zu verlieren.
Man stelle sich vor, Sixt hätte das Merkel-Plakat nie gemacht. Denk mal drüber nach …
New Babbel-Business
Kurze Zeitreise: Florida, September, die Nacht vor Hurrikan Idalia. Hauke und ich sitzen in der Kneipe und lernen einige verrückte Typen kennen. Einer davon, ein Uber-Fahrer, erklärt mir überschwänglich, wie glücklich er ist, bei Uber zu arbeiten, und was er als Arbeitnehmer alles für Benefits bekommt. So kann er sechs Monate kostenlos über Babbel Sprachen lernen, bevor er das Abo selber zahlen muss. Damals dachte ich mir schon: clever. Babbel nutzt die Kooperationen als Leadgeneratoren, Firmen wie Uber haben Mitarbeiter-Benefits, und die wiederum freuen sich über die neuen Möglichkeiten, Sprachen zu erlernen.
Jetzt setzt das Unternehmen auf HR-Influencer, um das B2B-Angebot zu pushen, und siehe da: Es funktioniert. Die W&V listet dabei vier Faktoren zum Erfolg auf: der Leuchtturm (Matthias Mölleney, der als HR-Influencer sein Netzwerk aktiviert), ein massentaugliches Webinar-Thema, ein „catchy" Titel („Beyond Obstkorb") und ein Newsletter als Verlängerung.
Babbel sucht auf jeden Fall immer nach neuen Lösungen in einem zunehmend komplizierten Markt. Wenn Stimmen durch KI automatisiert in alle Sprachen übersetzt werden, wird es auch für Babbel nicht leichter.
Telekom: Gegen Hass im Netz
Ich habe die zweite Runde des Telekom-Clips gesehen, zusammen mit dem FC Bayern gemeinsam #GegenHassImNetz. Vor acht Monaten wurde das letzte Video in Partnerschaft mit dem FC Bayern veröffentlicht, in dem die Hasskommentare von den Spielern vorgetragen wurden.
Diesmal wird eine Storyline erzählt, in der ein Junge im Netz gemobbt und dann zu einem FC-Spiel eingeladen wird. „Wir wollen dich. Komm zu uns" wird am Ende des Videos in eine Textnachricht eingebaut. Eine starke Message, die durch den Fußballverein und die prominenten Spieler eine große Zielgruppe erreicht.
Nicht nur zuhören – sollte sich jeder hinter die Ohren schreiben, auch lieb sein tut keinem weh. Den Schuh ziehe ich mir an und ich hoffe, viele andere tun das auch.
Kampagnensalat: Es weihnachtet – Globetrotter und Coca-Cola
Wenn eines sicher ist: Das Thema Weihnachten ist ab jetzt nicht mehr wegzudenken. Zumindest nicht, bis Weihnachten (endlich) rum ist.
Globetrotter hat sich gegen einen Weihnachtsmann, ein großes Festmahl oder das Auspacken teurer Konsumgüter entschieden und bleibt dem allgemeinen Firmenspirit treu: Nachhaltigkeit. Achtsam und bedacht schenken – da blüht doch mein Herz auf. Kurzer Exkurs: Ich hasse es schon an Geburtstagen, sinnloses oder unpassendes Zeug zu verschenken, nur damit man etwas verschenkt hat. Klar, das kann auch mal lustig sein, aber primär doch einfach bedacht. Bei Weihnachten halte ich es seit einigen Jahren so: Ich verschenke nichts und möchte auch nichts bekommen – nur oder gerade weil Weihnachten ist, woran ich null glaube. Bewusst schenken finde ich daher besonders gut und gebe der RE:Think-Christmas-Weihnachtskampagne von Globetrotter ganze zwei Daumen nach oben!
Coca-Cola: Wann war eigentlich der letzte klassische Coca-Cola-Truck? Dinge, die ich mich um 23:00 Uhr vor dem Einschlafen frage. Im aktuellen Weihnachtsclip bekommen die kleinen Alltagshelden ihre Bühne und Coca-Cola zeigt: Jeder kann ein Weihnachtsmann sein. Es sind Gesten von Nächstenliebe, die das Video erfüllen und mit Herz versehen. Die kleinen Dinge, die wirklich wichtig sind – nicht nur an Heiligabend. Zum Schluss sieht man ihn dann noch mal, den guten alten Truck. Ein gelungener Spot, der es schafft, die richtige Stimmung zu übertragen! Ich nenne es: eine moderne Auflage mit Tradition.
Brand Safety: Safety first mit Audienzz und Zulu5
Der Twitter-Nachfolger X hat das nächste Hassrede-Problem. IBM stoppt einen Millionen-Anzeigenetat, nachdem Werbung des Konzerns neben Hitler-Bildern auftauchte. So steht es bei HORIZONT. Wenn man im Markt fragt, ist Brand Safety für viele Kunden ebenfalls ein wichtiges Thema.
Wer es dabei ernst meint, vertraut nicht darauf, dass die eigenen Anzeigen nicht im falschen Umfeld stehen, sondern kümmert sich darum. Ein relevanter Weg ist der Einsatz von Zulu5 Guard der Audienzz aus Zürich: Hier werden sämtliche Publisher gecrawlt und die Platzierung der Werbung nach Publisher, Umfeld, Position und Sichtbarkeit mit Screenshots dokumentiert und analysiert. Da sind schon einigen Kunden bei der Präsentation die Augen geöffnet worden. Denn kaum einem Marketing-Verantwortlichen ist bewusst, wo die Anzeigen heutzutage ausgespielt werden.
Wer wirklich Sicherheit für seine Brand möchte, ist bei den Kollegen der Audienzz, der Vermarktungstochter der NZZ, genau richtig.
OOH: Ungestillte Sehnsüchte am Flughafen München
Noch wirkt die Reise nach München etwas nach – vor allem zwei Kampagnen vom Flughafen. Außerordentlich schlau auf mehreren Ebenen ist die Werbung von IWC. Der Uhrenhersteller, der seine Werbemaßnahmen durch bekannte Testimonials wie Tom Brady, Lewis Hamilton und Gisele Bündchen stützt, wirbt im Abflugbereich an den Gates. Dabei belegt IWC nicht nur eine Säule, sondern gleich mehrere. Vor allem am Abend wirken die Flächen einzeln, aber auch gemeinsam. Zudem hilft die klare, aufgeräumte Optik mit Testimonial, Uhr und kurzem Text. Nicht überladen, kein Schnickschnack. Und dann ist da noch ein Detail: Allein die Uhr mit dem Namen „Portofino", die Gisele Bündchen trägt, löst in mir Emotionen und Sehnsüchte aus. Nicht nach der Uhr, nicht nach Gisele, nur nach Portofino. Bei zwei jungen Männern waren es eher die Uhren. Minutenlang unterhielten sie sich vor den Säulen stehend. Fazit: zu teuer! Aber die Werbung hat ihr Ziel erreicht, die Sehnsucht ist geweckt.
Vielleicht sollten die beiden ihr „Vermögen" von Flossbach von Storch verwalten lassen, damit die Sehnsucht auch irgendwann gestillt wird. Auch der Vermögensverwalter wirbt am Flughafen. Beide Plakatmotive sind klasse: kurz, knackig, auf den Punkt, mit dem Standort spielend und optisch auffallend – so geht OOH!
Beobachtungen …
Auf meiner Rückfahrt von Hamburg nach Köln sind mir einige Beobachtungen durch den Kopf gegangen, die ich teilen möchte. Ich bin erwartungsfroh nach Hamburg gereist, um zu sehen, welche neuen OOH-Flächen ich sehe. Kurze Antwort: nichts. Am Bahnhof dominiert Ritter Sport wie eh und je, in der Stadt und den Bahnstationen auch nichts Bewegendes. Aber es war DOM. Und ich war wahrscheinlich 30 Jahre nicht mehr auf einer Kirmes. Kein Grund zur Panik, auch da hat sich nichts geändert. Man zahlt viel zu viel Geld (4 € für drei Wurf) für Dinge (Dosenwerfen), die man auch einfach so machen könnte, um ein Stofftier zu gewinnen, an dem man in jedem Laden vorbeigehen würde – und zu 99 % gewinnt man nicht. Man weiß es, die Dosen fallen nie alle, jeder weiß es, aber man spielt es trotzdem – und ist dabei nicht allein. Egal ob Basketball, Fußball, Dosenwerfen oder Kamelrennen, die Schlangen sind lang.
Verrückt, genauso verrückt wie ein Trend, den ich irgendwie verschlafen habe: lautes Telefonieren in der Bahn. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Städten (Frankfurt, Köln, Hamburg, München), Art der Fortbewegung (ICE, S- und U-Bahn), Alter und Herkunft der Telefonierenden – gefühlt machen das alle, ohne Scham. Ich verabscheue das. Noch schlimmer ist nur die Vergesslichkeit der Menschen. Es ist, als hätte es Corona nie gegeben. Vier Stunden Zugfahrt voller Husten, Schnupfen, Triefnasen – was ist los mit euch? Hier unterscheidet sich der Flieger auch nicht. Zum Abschluss noch eine positive Beobachtung: Kölsche Musik geht immer, auch in der „scharfen Ecke" in Hamburg. Genug davon, ab zum Effzeh, Bayern schlagen, 2:1, kölsche Musik hören …