NewsSnack-Archiv · 2022

NewsSnack KW 38/2022 – Aufzugswerbung, Kampagnensalat und Patagonias Klima-Move

Von Marco Morinello · NewsSnack-Archiv · 2022

Aus dem Archiv Diese Ausgabe entstand nach meinem US-Trip in bester Laune – trotzdem hagelt es Kritik im Kampagnensalat, von Löwensenf über Budweiser bis zum Derby-Deal. Dazu OOH übers Wasser, Werbung an Aufzügen und ein Klima-Move von Patagonia, der mich wirklich begeistert hat.

Aufzug: Die Aufzugstür wird zu 100 % ein Werbeträger

Dann fangen wir auch gleich bei A an. Die Aufzugstür wird zu 100 % ein Werbeträger. Diese Aussage habe ich zu Beginn unserer Partnerschaft mit Schindler getätigt und davon bin ich nach wie vor überzeugt – ich gehe sogar noch einen Schritt weiter, die gesamte Wartesituation vor und im Aufzug sind wie geschaffen für Kommunikation und Information. Wie ich darauf komme? In der International Mall in Tampa Bay waren zwei sehr gut sichtbare Aufzüge mit Werbung beklebt, ein echter Eye-Catcher mit einer großen Reichweite. Genau zu diesem Zeitpunkt hat Kira dieses Beispiel im Netz gefunden, bei dem der Kunde perfekt mit den Gegebenheiten spielt. Aber die Zukunft muss digital sein. Keine einfache Aufgabe ein skalierbares Produkt zu bauen, das ist klar, und auch die technischen Lösungen bei der Doorshow waren nicht immer perfekt. Dennoch: Es gibt einfach zu viele gute Gründe, warum der Aufzug ein Top-Kommunikationsträger ist. Passend dazu zwei ältere Artikel von mir. Da stecken immer noch viele Wahrheiten drin.

Doorshow – 10 Reasons for Digital Advertising on Elevator Doors

Elevators – Hidden Champions of the Advertising World

Kampagnensalat: Yippie Ya Yea – ohne mich!

Yippie Ya Yeah Schweinebacke! Mit diesem Slogan bewirbt Löwensenf auf Instagram eine limitierte Sonderedition. Auf der Landing Page steht dann: Mit Bacon-Geschmack, aber vegan? – Geht! Unsere limited Edition überzeugt durch ihren rauchigen Speckgeschmack und das ganz ohne Speck. Yippie Ya Yeah Schweinebacke! Jetzt schnell zugreifen.

Ich stelle mir einige Fragen: Wer kennt den Slogan überhaupt noch? Stirb Langsam Teil 1 aus dem Jahr 1988. Kontext: Blut, Gewalt. Senf? Fehlanzeige!

Edition Schweinebacke, aber ohne Speck, nur mit Speckgeschmack?

Bin nur ich da raus? In einer Instagram-Story, in der mein Daumen unter eine Sekunde weiter swiped, soll ich das alles verstehen und auch noch gut finden?

Übrigens: Empfohlen wird der Senf vor allem zu Würstchen und Burgern – nicht vegan! Ah ja... ich verstehe. NICHT!

Kampagnensalat: Ho, ho, ho – komplett ohne mich!

Na, habt Ihr bereits alle Weihnachtsgeschenke eingekauft? Ich weiß ja nicht, ob es an den 35 Grad, Palmen und Delfinen in Treasure Island liegt, aber an Weihnachten habe ich noch keinen Gedanken verschwendet. Sollte ich aber, wenn es nach Katjes geht. Die werben jetzt schon mit einem ADVENTSKALENDER! Immerhin der Claim passt: Besser früh als nie. Aber so früh? Ich bin raus.

Kampagnensalat: Budweiser WM-Tunnel – ooooohne mich!

Wie unschwer an unserem Cover für das Champions-League-Magazin von Bayer Leverkusen zu erkennen war: Ich liebe den Moment im Spielertunnel, kurz bevor es auf den Rasen geht. Nervosität, Emotion, Vorfreude, Anspannung, Liebe zum Spiel – all das in einem Moment. Diesen versucht Budweiser einzufangen und holt sich dafür Neymar, Messi und Sterling. Hey, sounds good! Doch dann biegt der WM-Spot völlig falsch ab. Wird zu einem Musical, bei dem alle zusammen im Tunnel tanzen und singen zum Tears-for-Fears-Hit "Everybody Wants to Rule The World". Wirklich. So geht das nicht. Anlässe diese WM schlecht zu finden, gibt es genug. Die Spots müssen sich aber nicht nahtlos einreihen: erst Coca-Cola, jetzt Budweiser. Ich hätte mal wieder richtig Lust auf eine WM in Argentinien, spiele im El Monumental oder La Bombonera. Und dazu Spots, die echte Liebe zum Sport transportieren, Leidenschaft, bebende Ränge, frenetische Fans und Fußballfeste.

W&V: Budweisers WM-Kampagne – schal und uninspiriert

Kampagnensalat: Derby-Deal – aber sowas von ohne mich!!

Ruhrpott-Derby am vergangenen Wochenende, Schalke zurück in Liga eins, da war die Freude beim Werbetexter und Online-Marketing-Verantwortlichen von meinauto.de aber groß. Bisschen zu groß. Denn den Derby-Deal mit der Headline: „Volle Ateca (Achtung Wortspiel) auf 3 Punkte im Revierderby" habe ich einen Tag nach dem Spiel angezeigt bekommen. Schalke hatte aber leider verloren. Die Headline finde ich ebenfalls 3– inkl. der Rechtschreibfehler im Text. Übrigens auf der Landing Page kein Bezug mehr zu Schalke, Revierderby oder was auch immer. Geht besser!

Kampagnensalat: Skechers mit Ballack – zweifelsfrei und uneingeschränkt ohne mich!

Ich bin weder schlecht gelaunt, noch verbittert, aber was nicht geht, geht nicht. Und schließlich äußern wir hier ja auch Meinung, immer begründet, nie haltlos. Also was stört mich? Ballack in Skechers ist wie Messi in New Balance oder Ronaldo in Hummel. Sind ja alles Top-Firmen, aber ein Testimonial muss halt passen. Die Werbung ist bieder, hat nichts mit Ballack als Fußballer, seinen Eigenschaften oder Fähigkeiten zu tun. Zudem: Bekannt war Ballack, ein Leader, aber beliebt? Nicht unbedingt.

Phantasialand: So geht's doch auch

Genug gemotzt, es geht doch auch anders. Die Kampagne von Phantasialand zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht.

- Plattform: LinkedIn

- Thema: Meetings & Events

- Zielgruppe: B2B-Kunden

- Format: Video

- Caption: Könnte besser sein, aber da drücken wir ein Auge zu.

- Landing Page: Top (business-to-pleasure)

- Targeting: Ich denke klasse, sonst hätte ich sie nicht gesehen.

Insgesamt also eine super Kampagne der Kollegen aus Brühl.

Balenciaga: Am Thema vorbei

Irgendwie am Thema vorbei... bzw... weeeeiß ich nicht.

Balenciaga hat einen Müllbeutel rausgebracht. (Es gab schon einmal ähnliche Taschendesigns, die zur Mülltüte gewitzelt wurden.) Dieser Müllbeutel ist Teil der neuen Fashion-Show und soll gemeinsam mit dem Setting, einem Schneesturm, für Aufmerksamkeit zum Thema globale Erwärmung und Ukraine-Krieg schaffen. Das mit der globalen Erwärmung verstehe ich noch, das mit dem Krieg weniger. Dennoch ist die einzige Frage, die ich mir stelle, während ich mir das Video auf LinkedIn anschaue, wie viel der Wahnsinn gekostet hat und ob man den Betrag nicht lieber in eine Spende hätte umwandeln können. Die Schneelandschaft hat sich nämlich nicht alleine in die Halle gezaubert und der Energieverbrauch dabei hat sicher auch nicht positiv zum Umweltschutz beigetragen.

Wie wäre es mit dem Aufgreifen der Witzeleien aus den letzten Jahren? Social-Media-Kampagne mit Testimonials wie Kim Kardashian (330 Mio. Follower), die sowieso als Gesicht für die Brand steht... Twitter erledigt den Rest, wenn es um Aufmerksamkeit geht.

Fashion Shows an sich sind wichtig und richtig für Designer, die mehr als nur Alltagsmode zaubern. Viele Designer schaffen ganze Kunstwerke, der Grund, warum mich ausgefallene Mode überhaupt so interessiert (auch, wenn ich selbst nur wenig ausgefallene, graue Pullover besitze). Dennoch sollte das Konzept in Zeiten, in denen Straßenlaternen über Nacht ausgehen, einen Moment länger durchdacht werden. Vielleicht sogar zwei Momente.

Der Weg und die Schritte sind gut, keep on going, hört nicht auf es zu perfektionieren. Und hey, danke, für den Versuch!

Social: BeReal, no Copy + Paste

Copy + Paste, das können die Social-Media-Riesen aktuell am besten. Denn, das haben wir schon mehrfach betont, aktuell gleicht sich eine App der nächsten an. Warum dann nicht einfach eine draus machen? Ach ja, dann fehlt der Wettbewerb...

Aber an der Social-Media-Front kämpfen mittlerweile nicht nur TikTok, Instagram, Facebook und Co. um den ersten Platz. BeReal hat sich unter die Meute gemischt und probiert es, wie Instagram einst begann. Mit Authentizität. So weit, so gut, hätte sich da nicht Copy-Master TikTok schon an die Fersen geheftet. „TikTok Now" ist das neue Werk und bedient sich nicht nur 1 zu 1 an den Funktionen (zeitgleich einen Schnappschuss mit Vorder- und Rückkamera aufnehmen) sondern ebenfalls an der Push-Benachrichtigung, die zu einer random Zeit auf dem Bildschirm erscheint.

Ich persönlich finde es sehr ermüdend. Natürlich ist eine Weiterentwicklung von Apps und Kanälen essentiell, aber dieses ewige Angleichen aller Portale macht Social-Media nicht unbedingt zu einem Platz des Entdeckens. Mehr zu einem Wald aus immer gleichen Bäumen, in dem man die Orientierung verliert.

P.S. Snapchat und Instagram arbeiten auch schon daran. Yey.

t3n: TikTok kopiert BeReal

OOH: Werbung übers Wasser

Kennt Ihr CoolLiteBikes? Das sind Werbefahrräder mit Anhänger für die Fußgängerzone – oder sie fahren sogar bis ans Meer. Wie jetzt geschehen: Weischer.JvB und AIDA Cruises haben an Stränden für Sommer-Kreuzfahrt im Winter geworben. Dazu passend habe ich in St. Pete Beach ein fahrendes Werbe-Boot gesehen. Leider aus der Entfernung und im Regen, aber tatsächlich war der einzige Zweck das große LED-Board übers Wasser zu schippern. Nun denke ich mir: Köln, Sommer, Sonne, ein Boot fährt über den Rhein und zeigt den Menschen an beiden Rheinufern Werbung. Ist das cool oder zu viel? Deine Meinung ist gefragt.

Werbefahrrad / BikeBoard mieten bei inovisco

OOH: Flughafen-Langeweile – nicht in Doha

Neugierig war ich bei meinem USA-Trip vor allem auf die beiden Flughäfen in Frankfurt und Tampa. Für einen OOH-Fan wie mich sollte doch zumindest Frankfurt ein Paradies sein. Doch ich wurde enttäuscht. Sowohl bei Ankunft als auch bei Abflug gab es nichts Spannendes, Neues, Innovatives. Im Gegenteil: In Tampa musste ich lange suchen, bis ich überhaupt mal Werbung fand. Alles sehr clean, modern und werbefrei. Fazit: Erwartungen nicht erfüllt, keine Überraschungen! Ich war aber auch noch gedanklich in Zürich, da war ich ja schwer begeistert.

Anders sah es da schon bei Kira in Doha aus. Sie war so begeistert vom Hamad International Airport, dass sie kurzerhand aus einigen Eindrücken ein Video geschnitten hat. Schon mehrfach ausgezeichnet als bester Flughafen der Welt besticht er durch moderne Shops, attraktive Geschäfte und digitale Werbemöglichkeiten. Da wäre ich wohl auch euphorischer zurückgekommen, wenn ich diese Bilder so sehe.

Ambient Media: Stärke tanken bei Fisherman's Friend

Kleines Highlight aus der Welt der Ambient Media! Natürlich kannst du die verschiedenen Geschmacksrichtungen von Fisherman's Friend an jeder Tankstelle kaufen. Doch meistens liegen sie im Kassenbereich, versteckt zwischen vielen Kaugummis und Schokoriegeln. Aber nicht so bei einigen Aral-Tankstellen. Da steht neuerdings ein Aufsteller, direkt im Lauf- und Sichtfeld des Eingangs. „Stärke Tanken" lautet der Slogan, der gleich wirkt, zudem die Optik der Zapfsäule. Ich bin begeistert und das obwohl ich keine Fisherman's mag.

OOH: Obi und Bauhaus – zwei Cases an einer Ecke

Direkt bei mir um die Ecke gibt es gleich 2 Cases an einem Ort. Obi bewirbt die Einfahrt zu ihrem Center im Kölner Norden mit einer Dauerbelegung auf einer Ströer-Fläche. Schlau! Die Ecke ist viel befahren, durch die lange Präsenz wissen alle Passanten, wo der nächste Obi ist, zudem ist es das größtmögliche Hinweisschild. Und auch nur dafür wird es genutzt, nicht für Angebote oder Image. Also alles richtig gemacht? Fast. Denn direkt dahinter belegt neuerdings Bauhaus eine 18/1-Fläche eines Wettbewerbers. Chapeau Bauhaus, sehr schlauer Move. Der Baumarkt ist zwar knapp 7 Kilometer entfernt, aber das Einzugsgebiet passt, die Frequenz ist hoch und jeder, der die Straße einfährt, hat zumindest den Bedarf eines Baumarktes. So setzt sich die Neueröffnung in den richtigen Köpfen fest. ABER: Warum so ängstlich? Bisschen mehr Mut, Witz und kleine Seitenhiebe. Ein „Verfahren?" hätte es doch schon getan – und man hätte einige Schmunzler und damit Aufmerksamkeit auf seiner Seite gehabt. Ich setze also meinen Hut wieder auf und denke mir: Chance vertan.

Patagonia macht ernst

Heinz und Balenciaga haben es zwar gut gemeint, sind aber in der Umsetzung leicht am Thema vorbeigezogen. Patagonia-Gründer Yvon Chouinard hingegen hat etwas gemacht, was wirklich gut ist. Und zwar hat der 83-Jährige sein Unternehmen an gemeinnützige Stiftungen übertragen und will damit alle Umsätze (ca. 100 Mio. Dollar / Jahr) für den Umweltschutz einsetzen.

„Hoffentlich wird dies eine neue Form des Kapitalismus beeinflussen, die nicht mit ein paar reichen Leuten und einem Haufen armer Leute endet", sagte der 83-Jährige in einem Interview mit „The New York Times".

Einer der wenigen Menschen, der sich Gedanken über sein Vermächtnis macht. Der wirklich einen Ansatz schafft, über sein Leben hinaus etwas Gutes getan zu haben. „Ich wollte kein Geschäftsmann sein. Jetzt könnte ich morgen sterben und das Unternehmen wird die nächsten 50 Jahre lang das Richtige tun. Und ich muss nicht mehr dabei sein." Chouinard fühle eine große Erleichterung, sein Leben in Ordnung gebracht zu haben. „Für uns war das die ideale Lösung", wird auf meedia.de zitiert.

Da kann man schon mal klatschen.

meedia.de: Patagonia-Gründer verschenkt seine Firma für den Klimaschutz · The New York Times: Patagonia Climate Philanthropy

Archiv-Ausgabe des NewsSnack von Marco Morinello, ursprünglich erschienen 2022. Meinung und Wortlaut sind bewusst unverändert übernommen.